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Diversität in der Arbeitswelt - 3 Gründe

Mit dem steigenden Grad von Vernetzung und Abhängigkeit in einer globalen Gesellschaft, nimmt die Bedeutung von „Diversity“ (engl. Vielfalt) seit Jahren zu. Spätestens seit den Riesendemos der Black Lives Matter Bewegung letzten Sommer ist Diversität als Begriff in der Arbeitswelt gesetzt. Hautfarbe und ethnische Herkunft, sind dabei neben sexueller Orientierung, Religionszugehörigkeit oder Alter nur einige Ausprägungen von Vielfalt in der Gesellschaft. Andere sind Bildungs- oder Wissensstand, Weltanschauung oder Identität. Hier in Deutschland gewann das Thema in Bezug auf die Geschlechtergleichstellung durch das neue Gesetz zur Frauenquote im 2020 Massentauglichkeit. Wir fangen nämlich mit der größten Minderheit an – der knapp 50% weiblicher Menschen in Europa und der Welt, die aber lediglich 9% der Vorstandsmandate halten. Bis heute lautet die Frage: „Macht das was aus?“

Nicht nur die Pandemie, in der vorwiegend Mütter für durch den Lockdown ausfallende Kinderbetreuung, Bildungsangebote und Haushaltsdienstleistungen einsprangen, spielt für die ersten kleinen Erfolge der Frauenbewegung eine Rolle. In Antwort auf die Frage „Wozu Frauen in der Wirtschaft? Wozu Frauen der Forschung? Wozu Frauen in der Führung?“ gibt vor allem die fortschreitende Digitalisierung eine Antwort. Technologischer Fortschritt hin zu Automatisierung, insbesondere die Adoption Künstlicher Intelligenz (KI), macht es zwingend erforderlich neue Maßstäbe für Chancengerechtigkeit, Chancengleichheit und Teilhabe zu setzen. KI bedeutet nämlich Automatisierung intelligenten Verhaltens, also von Algorithmen, die sich selbst optimieren können, die dazu lernen. Werden diese Algorithmen von einer kleinen, wenig diversen Gesellschaftsschicht, nach ihrem Verständnis für „normal“ und „gut“ entwickelt, wird es der Rest von uns immer schwieriger haben, den Normen zu Recht zu werden. Frauen inklusive. Aber Frauen, so wie Männer, und alle die danach folgen, müssen diese jetzt durchbrechen.

Dazu gibt es mindestens drei gute Gründe:

Unconscious bias


Mithin der wichtigste darunter ist „unconscious bias“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „unbewusste Voreingenommenheit“. Der Bergiff bezeichnet unser schnelles Denken, wobei wir oft aus dem Bauch heraus Entschlüsse fassen. Bei unconscious bias geht es also um Stereotypen (unsere Vorstellungen für normales Verhalten, z.B. dass Frauen empfindlich sind) und Vorurteile (unsere Wertung dazu), die wir automatisch und unbewusst haben. Wikipedia zeigt mehr als 175 bekannte Unconscius Biases. Entsprechend groß ist auch die Anzahl an Forscher, aus Psychologie, Wirtschaft und Soziologie, die sich dem Thema widmen. Auch ich habe bereits darüber geschrieben und eine bekannte Studie aus den USA zitiert, die zeigt, allein der Name einer Person ist ausreichend, damit wir sie so oder ganz anders einschätzen. Unconscious bias ist eine natürliche Erscheinung, eine kognitive Stütze, die uns hilft, schnell und trotz wenig Informationen Entscheidungen zu treffen, die sich gut anfühlen.

Doch in der komplex gewordenen Welt heute, treffen die Annahmen immer seltener zu – Tendenz steigend. Mit diesem Thema setzt sich der Journalist und Bestsellerautor Malcolm Gladwell aus. Malcolm Gladwell ist in Deutschland durch sein Buch „Outliers“ bekannt geworden. In seinem neuen Buch „How to talk to strangers“, das 2019 erschien, zeigt er am Beispiel komplexester juristischer Fälle von Rassendiskriminierung, Sexismus und Betrug, die Schwachstellen menschlichen Urteilvermögens.

Auch wenn Gladwell´s Forschung weit über den Einfluss von Unconsious Bias hinausreicht, zeigt seine Arbeit:

„Die Tools und Strategien, die wir für die Einschätzung von Menschen, die wir nicht kennen, nutzen, sind oft die Quelle für Konflikte und Missverständnisse.“

Diese verstärken die systematische Diskriminierung, haben einen gewaltigen Impact auf unser Privatleben und auf die Gesellschaft. Es lohnt sich also mit diesen aufzuräumen – für eine fairere Gesellschaft, in der wir auf Basis von Wissen und Transparenz urteilen.

Demographischer Wandel und Migration


Einer der nennenswertesten Einsichten seines Buches ist es, dass KI-Algorithmen unsere Fähigkeit Unbekannte einzuschätzen schlagen. Ein Beispiel dafür ist die Fehleinschätzung von Spontanreaktionen im Gerichtssaal in Bezug auf die Glaubwürdigkeit der Angeklagten. Gladwell bedient sich dabei ausschließlich wissenschaftlicher Studien und zeigt, welche Aussagekraft wir Emotionen zuschreiben, lernen wir, z.B. durch die Wahrnehmung von Mimik in TV-Serien wie Friends. Da aber diese für ein Massenmedium und somit so konzipiert werden, dass sie quasi auch „auf lautlos wahrgenommen werden können“, sind die von uns für glaubhaft akzeptierten Gesichtsausdrücke, für z.B. Überraschung, gar nicht so natürlich.

Eine Implikation davon ist es, dass sich Spontanreaktionen aus einem anderen kulturellen Kontext nicht werten lassen. Im Buch gibt Gladwell das Beispiel eines Namibischen Stammes, wofür die amerikanische Gestik eine völlig andere Bedeutung haben. Doch der demographische Wandel führt unmittelbar auch zu einem Kulturwandel, der eine verlässliche subjektive Einschätzung von Unbekannten auch auf Basis von jahrelanger Vorerfahrung unverlässlich macht. Durch die steigende Zuwanderung in Deutschland und Europa lassen sich also die von uns empfangenen „Signale“ immer seltener richtig deuten. Eine Person, die im einen Land auf den Boden guckt, ist dort sicher schuldig, in einem anderen – einfach höfflich. Doch danach, zeigt Gladwell, werden bis heute noch in wichtigsten Fällen Angeklagte freigesprochen oder verurteilt. Das, was wir für gesunden Menschenverstand halten, schafft den Rahmen für systemische Missstände im Zugang zu Wissen, Bildung, Jobs und letztendlich Geld und Status in einer kapitalistischen Welt. Bias ist zwar nicht immer echt, aber seine Auswirkungen, auch auf die Geschlechtergleichstellung in Deutschland, sind es.

Produktivität in der Plattformwirtschaft


Dabei geht es nicht nur um Fairness in einer „bunten Welt“. Die systemische Vernachlässigung ganzer Gesellschaftsschichten führt auf Kurz oder Lang zu innenpolitische Unruhen und Radikalisierung. Deutlich ist der Trend in der westlichen Welt, in der populistische Parteien einfaches Elektorat aufbauen von denjenigen, die sich von der aktuellen politischen Elite ungehört und ungesehen, oder unfair behandelt, fühlen, oder auch sind. Und wenn weder die „Noblesse oblige“, noch die Angst um den Zusammenhalt in der Gesellschaft ausreichend starke Argumente für Diversity zu sein scheinen, dann der Wohlstand.

Die bekannte McKinsey Studie „Delivering through Diversity“ weist den Zusammenhang zwischen Diversität und Produktivität statistisch nach. Forscher haben auch den Effekt hochqualifizierter Zuwanderer sowohl auf die Innovationsstärke (denke Silicon Valley, New York, Berlin), als auch auf die Wettbewerbsfähigkeit von Städten und Kommunen nachgewiesen. Boston Consulting Group schafft es diesen sogar auf 19% Umsatzwachstum dank Innovationen abzumessen.

Alles in allem ist Diversität unumgänglich und durch die Globalisierung, der steigenden Migrationsraten und den demographischen Wandel eine natürliche Begleiterscheinung. Da in der neuen Komplexität und Normen Stereotypen und Vorurteile oft zu fehlerhaften Entscheidungen führen und systemischen Konflikt in die Gesellschaft einpflanzen, lohnt es sich bewusst dagegen zu wirken – mit Algorithmen und Transparenz. Das lohnt sich auch, denn diverse Teams sind produktiver, innovativer und beliebter. In der Plattformwirtschaft entsteht Wertschöpfung ja bekanntlich in sozialen Netzwerken. Je größer und vielfältiger das Netzwerk, desto kürzer die Zielgerade zwischen Problem und Lösung.

Dabei geht es nicht nur um Frauen in der Führung, sondern um eine ganze Bandbreite an Diversitätsausprägungen, die Unternehmen erfolgreicher machen. Vielfalt hat nämlich viele Gesichter. Um genauer zu sein: 7,8 Milliarden.


Das Burger-Restaurant „Five Guys“ wirbt mit 500.000 Sandwich-Variationen im Angebot. Mit einem Blick auf die Karte wird klar, wie die Zahl zusammenkommt: 19 Zutaten machen jeden Burger aus. Die Entscheidung mit oder ohne erlaubt exakt 2 hoch 19 Permutationen, was auf über eine halbe Million unterschiedliche Burger zusammenkommt. Mit nur ein Dutzend mehr wären wir noch lange nicht bei der Diversität, die die Persönlichkeit der Menschen erlaubt, aber weit über Weltbevölkerung.

Diversität ist aber keine Wahloption, sondern einfach nur eine Naturerscheinung. Inklusion, dann – keine Politik, sondern Evolution.

New Work Leadership